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"Alle Dinge sind wertvoll" – Interview mit Social Designer Jan-Micha Gamer

Gepostet von Michael Pfeifer am
"Alle Dinge sind wertvoll" – Interview mit Social Designer Jan-Micha Gamer

Müll ist ein weltweites Problem und gehört für viele in die Tonne - nicht für Jan-Micha Gamer.

Nach dem gemeinsamen Projekt “Die Packjacke” beantwortet uns der Social Designer unter anderem Fragen zu seinem Werdegang und seiner Tätigkeit, was für ihn Müll bedeutet und wie er auf MOOT aufmerksam geworden ist, um seine Idee - Jacken aus Packdecken - zu realisieren.

MOOT: Kannst Du uns als Einstieg etwas über Deinen bisherigen Werdegang erzählen?
Jan-Micha: Ich komme aus einem kleinen Dorf im Nordschwarzwald, Nähe Karlsruhe. Schon früh stand ich vor der Herausforderung an sehr vielem interessiert zu sein. Neben der Malerei und Bastelei habe ich viel Zeit im Wald verbracht und als Freiwilliger mit Jugendgruppen gearbeitet. Nach meinem Abitur konnte ich mich nicht entscheiden was ich machen will und habe in den Niederlanden ein Projekt des Europäischen Freiwilligendienstes gefunden. Dort konnte ich ein Jahr lang jeden Tag einen anderen Job wählen – in einem Kulturkino, einem Jugendzentrum, einer Kinderfarm und einem Altenheim. Danach habe ich entschieden, Produktgestaltung an der HfG in Schwäbisch Gmünd zu studieren. Während meines Erasmus war ich in Schweden. Mein Praxissemester habe ich bei ‘design for human nature’ in Hamburg absolviert. Anschließend habe ich angefangen Social Design in den Niederlanden zu studieren. Mittlerweile lebe und arbeite ich Berlin. 

Was ist für Dich Müll?
Grundlage meiner Arbeit ist, dass Müll nicht existiert. Was wir als Müll bezeichnen sind Materialien in denen der Verbraucher keinen Wert mehr sieht. Dieses Denken, dass ein Material wertlos sein kann, möchte ich verändern. Jeder Gegenstand kann als Ressource gesehen werden. In einer linearen Wirtschaft fällt es dem Menschen schwer keinen Müll zu produzieren. Der Konflikt liegt für mich hierbei in der Endlichkeit des Menschen und damit der Unfähigkeit Veränderung zu akzeptieren. Material kann eine andere Form annehmen. Das menschliche Bewusstsein ist auf das Dasein im Hier und Jetzt limitiert. Deshalb fällt es uns schwer Kreisläufe zu verstehen und für die Zukunft kreativ zu werden. 

Was ist/macht ein Social Designer?
Die meisten Menschen verstehen Design als das Aufhübschen eines Produktes. Bei Social Design geht es vielmehr um das große Ganze. Wer hat alles Teil an einem Produkt? Was sind einwirkenden Faktoren? Was sind soziale Probleme?

In der Mode würde beispielsweise der Designer den Stoff auswählen, einen Schnitt gestalten und das resultierende Stück in Produktion geben. Als Social Designer gucke ich mir den ganzen Prozess mit allen Anforderungen, kulturellen Eigenschaften und sozialen Problemen an. Angefangen mit Umweltaspekten der Produktion, dem Lebenszyklus und der Entsorgung. Wer ist alles daran beteiligt? Was verändert sich sozial, kulturell und politisch für die Menschen die auf irgendeine Weise mit einem Kleidungsstück zu tun haben? Im besten Fall bekomme ich alle diese Menschen an einen Tisch, um zu sehen, wie das Kleidungsstück im besten Fall aussieht, produziert und verwendet wird. Damit habe ich die Möglichkeit an vielen Stellschrauben gleichzeitig etwas zu verändern, oder vergesse zumindest keinen wichtigen Aspekt. 

Was möchtest Du mit Deiner Arbeit erreichen?
Ich möchte, dass jeder in der westlichen Welt versteht: alle Dinge sind wertvoll.

Was macht Dir an Deinem Job am meisten Spaß?
Ich liebe es mit Materialien jeglicher Art zu arbeiten und daraus etwas ganz anderes zu gestalten. Am liebsten mit Dingen, die eine eigenständige Form haben und schwierig zu verwenden sind – wie zum Beispiel Elektroschrott.

Was fällt Dir leicht, was schwer in Bezug auf Deine Tätigkeit als Social Designer?
Mir fällt es manchmal schwer das Gute in Systemen zu sehen, wenn man permanent auf das schlechte fixiert ist. Auch an Fast Fashion gibt es eine gute Seite: noch nie konnten so viele Menschen aussuchen was sie tragen möchten. Die Frage ist nur zu welchem Preis.

Auch “entsorgen” ist per se nicht schlecht. Es gibt großartige Technologien Materialien bestmöglich zu trennen und weiter zu verwenden. 

Welche war die beste Entscheidung in Deiner beruflichen Laufbahn?
In den letzten Monaten war es sicherlich, dass ich versuchen wollte, die Packjacke richtig auf den Markt zu bringen.

Wie bist Du auf MOOT aufmerksam geworden? Was hat dazu geführt, dass Du das Projekt Packjacke mit MOOT realisieren wolltest?
Ich habe letztes Jahr im Herbst meine ausgiebige Recherche zu den Packdecken abgeschlossen und saß an der Entwicklung eines Schnittes. Ich war von dem Prozess und den Resultaten so überzeugt, dass ich nach Partnern suchte. Über die Fashion Changers ist
 Doris von Rebound Stuff auf mich aufmerksam geworden, die mir den Kontakt zu MOOT gab. Nils war von dem Mantel Prototypen sehr begeistert. In den letzten vier Monaten haben wir an vielen Details gefeilt. Ich habe wahnsinnig viel gelernt und bin super glücklich mit der Kooperation und dem Ergebnis.

Hast Du Tipps für die MOOT-Community bezüglich Konsumverhalten?
Funktionales darf nicht weggeworfen werden. Kaputtes sollte versucht repariert zu werden. Bei der Entsorgung sich informieren, wie man bestmöglich trennt. Sich bei Neuanschaffungen immer fragen, ob dieser Kauf wirklich Sinn macht. Stets kritisch sein und sich auf Diskussionen einlassen.

Und zu guter Letzt: Was wird Dein ‘nächstes Projekt’?
Ich arbeite schon seit langem mit Elektroschrott und gestalte daraus Einrichtungsgegenstände. Mich fasziniert die ungewollte Schönheit, die hinter unseren Geräten steckt. Dafür bin ich auf der Suche nach Galerien, Einrichtungsläden und Ausstellungsräumen.

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